Die Zauberin (an Jenny)

Buch der Lieder | | | 1836 |

Es liegt in meiner Seele,
Gleich goldenem Juweele
Ein reines Götterbild;
Für ewig ihm entbrennen,
Es lieben und es kennen
In einem Hauche quillt.

Kein Mißlaut darf sich gatten,
In Licht muß selbst der Schatten
Entzückt zusammenfliehn
Des Antlitz Linienwellen
In sanften Gluthen schwellen
Zu ew’gen Harmonien

Der Himmel scheint gezogen
Aus blauen Wolkenwogen
In dieses Traumgesicht;
Es sprüht, wie Geisterleben,
Es klingt, wie Sehnsuchtsstreben,
Es strahlt, wie Götterlicht.

Der Aether scheint gefangen,
Im zarten Bild zu prangen,
In Dieser Zauberin;
Er kann nicht von ihr eilen,
Des Hauches Gluth zu theilen,
Des Blickes Geistersprühn

Und in sich selbst geschlossen,
Von Hoheit übergossen,
Im Schönheits-Aetherschein,
Die Formen all sich wiegen,
Und die Gefalte schmiegen
Sich bebend im Verein.

Von Geistermacht gehoben,
Aus Melodien gewoben,
Sich selber unbewußt,
Quillt sanft in Schönheitsfluthen,
Gewiegt in zarten Gluthen
Aus leichtem Flor die Brust.

Da lieget tief versunken,
In Ahnungen ertrunken,
Wie Aeolsleierklang,
Geheimnißvolles Leben,
Wo alle Saiten beben
In fernem Himmelsdrang.

Und wenn die Geister schlagen,
Den Busen schwellend tragen,
Das Lichtverklärte Herz,
Dann faßt es Sie, wie Sehnen,
Sie muß das Haupt sich lehnen,
In tiefem Wehmuthsschmerz.

Dann blickt sie groß und ferne,
Und funkelt alle Sterne
Aus ihres Blickes Sitz,
Und alle Welten flammen
In ihrer Gluth zusammen,
In ihrer Seele Blitz.

Das Todte scheint zu fühlen,
Der Zephyr naht, zu kühlen,
Die Wolke lacht entzückt,
Der Erde Pulse schallen,
Um zu ihr hinzuwallen
Mit Bliithen rings geschmückt.

So steht sie sanftverkläret,
Von Liebe großgenähret,
Und braune Locken fliehn,
Nach Schönheitsgluth sich sehnend,
An zarten Nacken lehnend
Um sie in Liebesmühn.

Und was die Lippe hauchet,
In süssen Sang sich tauchet,
Und wie ein Gottgewand,
Das Ganze zu durchbeben,
Zum Höchsten zu erheben,
Als wie der Liebe Pfand,

Wallt mild um alle Glieder,
‘ne Gottheit sanft hernieder,
In leisem Schleierkranz,
Und klärt das Lichtgebilde
Zu Hoheit und zu Milde,
Zum höchsten Frauenglanz.

Erfüllt von Sehnsuchtsgeistern,
Schien sich zu übermeistern
Ein Gott in Schaff ermühn;
Die Erde unterlieget,
Der Himmel selber sieget
In Deiner Schönheit Glühn.